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Das
älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (circa
1796/1797)
-
eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral
fällt - wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel
gegeben, nichts erschöpft hat -, so wird diese Ethik nichts
anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist,
aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die
Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien
Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt
- aus dem Nichts hervor - die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung
aus Nichts. - Hier werde ich auf die Felder der Physik
herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein
moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an
Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben. So,
wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir
endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren
Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen
Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne. Von
der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran,
will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat
etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine
gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee.
Wir müssen also über den Staat hinaus! - Denn jeder Staat muß
freie Menschen als 1/234 mechanisches Räderwerk behandeln; und das
soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst, daß
hier alle die Ideen vom ewigen Frieden usw. nur untergeordnete Ideen
einer höheren Idee sind. Zugleich will ich hier die Prinzipien für
eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das
ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf
die Haut entblößen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen
Welt, Gottheit, Unsterblichkeit, - Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des
Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. -
Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und
weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen.
Zuletzt
die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in
höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß
der höchste Akt der Vernunft, der, in dem sie alle Ideen umfaßt, ein
ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte
nur in der Schönheit verschwistert sind.
Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der
Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere
Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische
Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte
kann man nicht geistreich raisonieren - ohne ästhetischen Sinn. Hier soll
offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen
verstehen - und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist,
sobald es über Tabellen und Register hinausgeht. Die
Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was
sie am Anfang war - Lehrerin der Menschheit; denn es
gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle
übrigen Wissenschaften und Künste überleben. Zu
gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche
Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph
bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft 1/235 und des Herzens,
Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist's, was wir bedürfen.
Zuerst
werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in
keines Menschen Sinn gekommen ist - wir müssen eine neue Mythologie haben,
diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine
Mythologie der Vernunft werden. Ehe
wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für
das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig
ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich
Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß
philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß
mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige
Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des
Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche
Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen.
Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit
und Gleichheit der Geister! - Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß
diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte größte
Werk der Menschheit sein. 1/236 Hoffmeister
(ed.), Dokumente zu Hegels Entwicklung, S. 219-21; Schüler
Nr. 56 (Frühsommer 1796). - Pöggelers Datierung: 1796 oder erste
Monate 1797. |